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Zen im Alltag - Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug | Zen Running

Aktualisiert: 20. Aug. 2023

1 Jahr, 100 Stunden, 1000 Kilometer, 10000 Höhenmeter, – mein erstes Jahr als regelmäßiger Läufer. Zahlen, Fakten und Bestzeiten sind ein wichtiger Bestandteil des Laufsports. Während dieses Jahres wurde für mich der anfängliche „Laufsport“ immer unwichtiger. Je mehr und weiter ich lief, desto mehr rückte der „Sport“ in den Hintergrund und das „Laufen“ in den Vordergrund.


Als begeisterter Bergwanderer und Gelegenheitsläufer wurde ich im Herbst letzten Jahres von Arbeitskollegen zu einem Staffellauf überredet, wobei mir der soziale Teil damals wichtiger als der Sportliche war. Diese soziale Komponente hielt mich am Ball, bis aus einem Kilometer zehn wurden und aus der anfänglichen Überwindung ein vergleichbares Gefühl als beim Wandern.


Zu dieser Zeit verwendete ich das Laufen bereits unbewusst dafür, meine eigenen Dämonen unter Kontrolle zu halten und als Ersatz für Verhaltensweisen, die ich mir zu dieser Zeit abgewöhnen wollte. Das wurde mir erst einige Zeit später klar. Ab diesem Moment der Klarheit begann ich intensiver über das Laufen nachzudenken und warum es so wichtig für mich wurde.


Es ging hier um Kontrolle. Atmung, Haltung, Psyche, all das musste koordiniert werden. Absoluter Fokus, das Fühlen des eigenen Körpers als Belohnung, ein Gefühl, das süchtig machen kann. Suchtverlagerung – nichts anderes war es, wurde mir klar. Ich denke, viele andere Ausdauersportlern können ähnliches berichten. Gesellschaftlich und persönlich negativ besetztes Verhalten durch positiv besetztes Verhalten mit derselben Befriedigung ersetzen. Das wunderbare an dieser Verlagerung ist die Erkenntnis, um was es bei den Süchten und dem schädlichen Verhalten für sich selbst wirklich geht. Diese kostbare Erkenntnis muss um jeden Preis erhalten werden. Dann wird sich ein positiver Kreislauf entfalten, der einem Glück schenkt, gesund hält und einem ganz zu sich selbst führen kann.

ZenRunning

Lauf um dein Leben


Ein Jahr Erfahrung befähigt mich definitiv nicht dazu, jemanden etwas über Lauftechnik, Training oder große sportliche Erfolge zu erzählen. Über die persönliche Einstellung, meine Erfahrungen und Beobachtungen habe ich aber dennoch einiges zu schreiben. So begeisterte mich seit den ersten Metern die Natürlichkeit und Einfachheit des Laufens. Es sind kein Regeln zu erlernen, man benötigt im Grunde genommen keine Ausrüstung und den Bewegungsablauf hat nahezu jeder Mensch bereits als Kind erlernt. Wie selbstverständlich sind wir als Kinder Tag für Tag gelaufen, ohne uns je zu beklagen. Als Erwachsender reicht es aufzustehend, über die Komfortzone hinaus vor die Tür zu treten und loszulaufen. Es gibt nichts zu verlieren und als Belohnung winkt das Leben.


Die einzigen Hindernisse sind anfangs Körper und Geist. Sich selbst und seinen Körper wirklich kennenzulernen und die eigenen Grenzen immer wieder zu testen, bringen einem seinen Zielen näher und schaffen Erfolgserlebnisse. Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper an das Laufen und es wird so natürlich wie damals als Kind. Der Geist wird freier und die Gedanken können schweifen. Gerade bei längeren Läufen ohne Ablenkung tauchen genau die Gedanken auf, welche im Alltag durch Medien und Zerstreuung erfolgreich in unserem persönlichen Gedankenmeer ertränkt wurden. Für mich war das zu Beginn oftmals schmerzhafter als Blasen an den Zehen.


Dieses „sich stellen“ hatte aber auch eine unglaublich reinigende und ordnende Wirkung. Viele zuvor unlösbar scheinende Problem, Sorgen und Ängste wurden aufgelöst. Wirklich wichtigen Themen, welche immer wieder am Strand meines Gedankenmeers angeschwemmt wurden, waren dadurch noch deutlicher zu erkennen. So waren für mich die ersten 10-20-30 Kilometer Läufe beispiellose körperliche Erlebnisse, noch viel mehr aber ein Erleben meines nackten Selbst.

Zen Laufen

Zen-Running

So wurde mein Körper Schritt für Schritt gerader und dadurch auch mein Geist - Atmen, Haltung kontrollieren, Atmen, Haltung kontrollieren, Atmen - mir wurde klar das Zazen und das Laufen vieles gemeinsam haben. Je natürlicher das Laufen und je klarer mein Kopf wurde, desto weniger wurden die Gedanken. So habe ich in den letzten Wochen versucht, Zen und das Laufen zu verbinden. Es ist schwierig, die Reglosigkeit mit der Bewegung in Einklang zu bringen und dem Nach-innen-gerichtetem-Blick mit der sich ständig im Wandel befindlichen Welt zu verbinden. Wie ich beim Zazen aber nur Sitze versuche ich beim Zen-Running nur zu laufen. Der vollständige Fokus auf den nächsten Schritt, ohne Ziel und ohne einen Gedanken.


Das Unterbewusste bewusst werden zu lassen. Vollständig achtsames Erfassen des Moments und alles um einen zugleich wahrnehmen, aber nicht bewerten. Überlegungen zu einem parkenden Auto oder dem kühlen Wind auf der Haut vorbeiziehen lassen. Die Welt so sehen, wie die Sinnesorgane sie wahrnehmen und nichts über Gedanken hinzufügen. Auch wenn es oft nur kurze Momente des Erwachens aus der erdachten Welt sind, so haben diese doch etwas unglaublich Befreiendes. Das „Nur-Laufen“ wird von mir weiter erforscht, erlebt und hier niedergeschrieben werden.

Zen Running



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